Manfred Sablotny

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Subjektive Theorien von Lehrenden in Taiwan zur Wortschatzarbeit im DaF-Unterricht

Manfred Sablotny Dipl. Übers.

Seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts spiegelt sich in der wissenschaftlichen Forschungsliteratur zum Fremdsprachenerwerb ein stetig wachsendes Interesse an mit Wortschatzerwerb und -vermittlung in Zusammenhang stehenden Thematiken wider. Immer häufiger finden sich theoretische und empirische Arbeiten, die sich etwa mit der Struktur des mentalen Lexikons, mit Wortschatzlernstrategien oder mit der Bedeutung von formelhaften Ausdrücken in der Wortschatzarbeit befassen, und der Erkenntniszuwachs auf diesem Gebiet ist enorm.

Trotzdem scheint es auch heute noch so zu sein, dass Wortschatzarbeit in der Praxis des Fremdsprachenunterrichts (FSU) im Vergleich zu Bereichen wie Grammatik und Phonetik eine eher stiefmütterliche Rolle spielt. Viele Lehrende sehen Wortschatzarbeit häufig als notwendiges Übel, das sie notdürftig irgendwie in das reguläre Kursgeschehen zu „integrieren“ suchen, während die Lernenden es oft gewohnt sind, sich neue Vokabeln durch das Pauken von Wortlisten einzuprägen. Die Bedeutung eines breit gefächerten Wortschatzes für jede Art der fremdsprachlichen Verständigung wird zwar durchaus nicht in Abrede gestellt, eine konsequente Thematisierung von Wortschatzarbeit im Unterricht mit einem entsprechenden Angebot an Hilfestellungen zu wortschatzspezifischen Lernmethoden bleibt jedoch die Ausnahme. Auch im Kursangebot für Deutsch als Fremdsprache der Hochschulen in Taiwan spiegelt sich dieses Dilemma wider. So sind an nur einer von sieben Hochschulen mit einem Hauptfachangebot für Deutsch auf der Grundstufe spezifische Wortschatzübungen Teil des Curriculums.

Die Verantwortung für die Umsetzung von Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung im FSU und für die Vermittlung von Wortschatzlernstrategien fällt auf die Lehrenden. In der Regel sind sie es, die als Entscheidungsträger, sei es in Hochschulgremien oder in der konkreten individuellen Unterrichtsgestaltung, über den Stellenwert der Wortschatzarbeit im FSU entscheiden. Aus diesem Grunde sollen sie auch im Mittelpunkt meiner Untersuchung stehen.

Welche Ziele verfolgen die Lehrenden die Wortschatzarbeit betreffend? Welche Rollen weisen sie dabei sich selbst und den Lernenden zu? Welchen institutionellen Einflüssen unterliegen sie in ihrem Handeln? Welche Faktoren bestimmen die Entscheidung ob und in welchem Umfang Wortschatzarbeit im Unterricht thematisiert wird? Gibt es Erfahrungen in ihrer eigenen Biografie, die ihr Verhalten als Lehrende geprägt haben? Inwieweit werden die Spezifika von Deutsch als Tertiärsprache (i.d.R. nach Englisch) bei der Wortschatzarbeit berücksichtigt, d.h. inwieweit werden Lernerfahrungen und Kenntnisse der ersten Fremdsprache bewusst genutzt? Welche Rolle spielen die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Fachliteratur zum Thema bei der Unterrichtsgestaltung? Welche die Wortschatzarbeit betreffenden Lernstrategien werden im Unterricht (nicht) vermittelt und warum? Diese Fragen sollen mir als Orientierungspunkte in meiner Untersuchung der subjektiven Theorien von Lehrenden in Taiwan zur Wortschatzarbeit dienen.